Persönliche Vorbemerkung:
Wenn ich an mein Studium in Münster und Tours zurückdenke, leuchten mir sofort die Werke Ödön von Horváths entgegen. Besonders lebhaft erinnere ich mich an meinen Professor, dessen Augen förmlich strahlten, sobald er über Horváth sprach. Seine Begeisterung war ansteckend – ich tauchte in die Sprachwelt der «Geschichten aus dem Wiener Wald» und «Kasimir und Karoline» ein. Doch es war vor allem der Roman «Jugend ohne Gott» (« Jeunesse sans dieu »), der mich in seinen Bann zog und nicht mehr losließ. Umso erschütternder ist für mich bis heute Horváths tragisches Ende: Mit nur 37 Jahren wurde sein Leben am 1. Juni 1938 in Paris jäh ausgelöscht, als ein herabstürzender Ast ihn auf den Champs-Élysées traf. Ausgerechnet das Exil, das ihm Schutz vor dem Nazi-Regime bieten sollte, wurde zu seiner Todesfalle – ein bitteres Schicksal. Die Gedächtnistafel für Ödön von Horváth am Théâtre Marigny löst bei mir stets tiefe traurige Gedanken aus. In nur 200 Metern Entfernung bietet die Duc de Morny Library im Hotel La Réserve Paris einen würdevollen Rückzugsort. Der japanische Sencha De Mai Grüntee entfaltet dort seine beruhigende Wirkung.
Paris, 1. Juni 1938. Die Stadt liegt unter drückender Schwüle, zeitweise fällt Regen. Im Hôtel de l'Univers in der Rue Monsieur-le-Prince 63 hatte Ödön von Horváth bis zum Morgengrauen mit Carl Frucht und Hertha Pauli zusammengesessen. Sie hatten über sein Romanprojekt «Adieu, Europa!» diskutiert und über eine notwendige Abrechnung mit den Deutschen nach einem Sieg über Hitler.
Noch am Vortag war Horváth euphorisch gewesen. Bei einem Treffen mit Ernst Josef Aufricht auf dem Montmartre hatte dieser ihm Welterfolge für seine seit 1933 unveröffentlichten Stücke prophezeit. «Paris bringt mir Glück», hatte Horváth seinen Freunden zugeprostet und beschlossen, seinen ursprünglich nur für fünf Tage geplanten Aufenthalt zu verlängern.
Gegen Mittag trifft er sich wie verabredet mit dem Regisseur Robert Siodmak und dessen Frau auf den Champs-Élysées im Café Marignan. Sie besprechen die mögliche Verfilmung seines Romans «Jugend ohne Gott». Angesichts des aufziehenden Gewitters bietet Frau Siodmak Horvath an, ihn mit dem Wagen zu seinem Hotel zu bringen. Doch Horvath, dem der Gedanke an eine Autofahrt Unbehagen bereitet, zieht den Fußweg vor.
Eine merkwürdige Prophezeiung hatte ihn nach Paris geführt. In Amsterdam war er wenige Tage zuvor einem Hellseher begegnet, der beim Anblick Horváths in Trance verfallen war und immer wieder beschworen hatte: «Sie müssen nach Paris. Sie müssen unbedingt nach Paris, und zwar sofort. Es erwartet Sie dort das entscheidende Ereignis Ihres Lebens.» Horváth, der eine Vorliebe für das Okkulte und Unheimliche hatte, war diesem Ruf gefolgt.
Gegen 19:00 Uhr überquert er am Rond-Point, gegenüber dem Théâtre Marigny, die Straße. Der Straßenkehrer Maurice Gozard wird später zu Protokoll geben, dass ihm der hochgewachsene, etwas untersetzte Monsieur in einer Gruppe von sieben weiteren Passanten aufgefallen sei. Als plötzlich ein Unwetter aufzieht, flüchtet Gozard ins Foyer des Théâtre Marigny. Von dort hört er einen Schrei. Eine von einem heftigen Windstoß entwurzelte morsche Ulme stürzt auf eben jenen Monsieur und zerschmettert seinen Hinterkopf. Die anderen Passanten können gerade noch zur Seite springen.
Der Baum liegt quer über Horváths Rücken, Blut sickert durch seinen leichten Regenmantel. Während Umstehende behaupten, er sei sofort tot gewesen, wird Gozard später amtlich bezeugen, dass Horváth erst gegen 19:30 Uhr im Hôpital Marmottan in der Rue d'Armaillé 19 verstorben sei. Das Protokoll trägt auch die Unterschrift von Jules Henri Leclerc, Beigeordneter des Bürgermeisters für den XVII. Bezirk von Paris und Ritter der Ehrenlegion.
Im Bistro warten unterdessen Hertha Pauli und Carl Frucht vergeblich. «Es wurde spät. War Ödön nur unpünktlich oder hatte er vergessen?», notiert Pauli später. Die Nachricht von seinem Tod erreicht sie erst am nächsten Morgen durch eine Meldung in der Morgenausgabe der Tageszeitung «Le Figaro»: «Ein Sturm, der gestern Abend über Paris niederging, verursachte mehrere Unglücksfälle. In den Champs-Élysées warf er eine Platane um. Sieben Personen, die unter ihr waren, konnten sich retten, bis auf einen Ungarn, den sie erschlug.»
Die Beisetzung findet am 7. Juni 1938 auf dem Friedhof Saint-Ouen statt, am äußersten Ende des Geländes, nahe einem Rangierbahnhof. Ein Leichenbestatter mit Holzbein, der sich später als Betrüger herausstellt, organisiert die Zeremonie. Manfred George spricht für den Schutzverband Deutscher Schriftsteller, Jacques Maritain vertritt die französischen Kollegen.
Ein langer Kondukt von Taxis begleitet den Sarg zum Friedhof, vorbei am Pariser Trödelmarkt und an der Stelle des tödlichen Unfalls. Unter den Trauergästen sind die aus Wien angereisten Eltern, sein Bruder Lajos aus Zürich, sowie zahlreiche Exilautoren: Hermann Kesten, Erwin Piscator, Joseph Roth (der fast genau ein Jahr später in Paris sterben wird), Franz Werfel und Carl Zuckmayer. Am Grab, das nur durch einen Hintereingang erreicht werden kann, da am Hauptportal Bauarbeiten stattfinden, sprechen Walter Mehring und der französische Übersetzer Armand Pierhal, mit dem Horváth noch für den 2. Juni verabredet gewesen war. Ein eigens aus Budapest angereister ungarischer Priester streut «Erde aus Ungarn» ins Grab. Während es unablässig regnet, dringen die Signale der Rangierlokomotiven von den Bahngleisen herüber.
Fünfzig Jahre später, 1988, werden Horváths sterbliche Überreste – einige Knochensplitter, die Schädeldecke und ein großer Oberschenkelknochen – in einem Kindersarg nach Wien überführt. In einem Ehrengrab auf dem Heiligenstädter Friedhof findet der Dramatiker seine letzte Ruhe. Der Wiener Bürgermeister spricht die versöhnlichen Worte: «Ödön von Horváth ist endlich zu Hause.»
Eine Marmorplatte an der Fassade des Théâtre Marigny erinnert heute an jenen verhängnisvollen Juniabend, als einer der bedeutendsten deutschsprachigen Dramatiker seiner Zeit auf so absurde Weise vom Tod ereilt wurde – ein Ende, das in seiner schicksalhaften Ironie einem seiner eigenen Theaterstücke hätte entstammen können.
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Nach seinem Tod findet man in seiner Manteltasche ein Gedicht, das er auf eine Zigarettenschachtel notiert hatte:
Und die Leute werden sagen In fernen blauen Tagen Wird es einmal recht Was falsch ist und was echt Was falsch ist, wird verkommen / Obwohl es heut regiert Was echt ist, das soll kommen / Obwohl es heut krepiert.
Diese Worte aus dem Theaterstück «Zur schönen Aussicht» (« Le Belvédère ») stehen in französischer Übersetzung auf der Tafel:
Et les gens vont dire
Que dans un lointain avenir
On saura discerner
Le faux et le vrai
Que le faux disparaîtra
Alors qu'il est au pouvoir,
Que le vrai adviendra
Alors qu'il est au mouroir.
(1938)
Odon von Horvath, dramaturge et écrivain de langue allemande, né en 1901, mort le premier juin 1938 face au théâtre Marigny tué par une branche de marronnier arrachée par la tempête. Hommage de son éditeur Thomas Sessler Verlag, Vienne, le 3 juin 1998
Literatur
Hildebrandt, Dieter (1975): Ödön von Horváth. – Rowohlt.
von Horvath, Ödön (1937, 2009): Jugend ohne Gott. – Reclams Universal-Bibliothek.
Sehr schön! Und es gibt ja viele deutschsprachige Dichter, die es mach Paris gezogen hat. Wie wär`s mal mit Rilke. Ausgangspunkt z.B. Das Hôtel Biron, 77 rue de Varenne (Paris 7. arrondissement). Dort war eine Art Künstler- Haus entstanden. Matisse, Isadora Duncan, Rilke und Jean Cocteau hatten dort Zimmergemietet. Rilke lockte Rodin an, der sich dort ein Atelier einrichtete. Und das ist heute das Rodin-Museum, das ihr sicher kennt.